Neue Niederlassung im Rheingau

Seit Oktober 2016 ist »Carl Reichwein« auch im Rheingau zu Hause. Mit der Gründung einer neuen Niederlassung in der Chauvignystraße 21 in Geisenheim vergrößert sich das Unternehmen und bietet vielen Kundinnen und Kunden aus der Region kürzere Anfahrtswege. Das Bürogebäude mit großer Halle auf dem Gelände des ehemaligen MAN-Areals in Geisenheims Gewerbegebiet wurde ein Jahr lang umgebaut und modernisiert. Mit einem Fachmarkt für Privat- und Gewerbekunden auf 1.000m² baut »Carl Reichwein« sein bestehendes Sortiment an Baustoffen aus und bietet in großem Umfang auch Werkzeuge aller Art und Arbeitskleidung.

Ein echtes Stück Wiesbaden. Und das seit 1890!

Carl Reichwein mit seiner Verlobten Jenika Wagner, Weihnachten 1890.
Entwurf Hermann Reichweins für sein zukünftiges Wohnhaus aus dem Jahr 1893. Bismarckring 43 (Ecke Wellritzstraße). Quelle: Stadtarchiv Wiesbaden.
Mahnung vom 08.08.1931
Hans Gallo (2. Generation)
60-jähriges Betriebsjubiläum 1950.
Herbert Gallo (3. Generation)
Betriebsgelände Hasengartenstraße mit Fuhrpark in den 1960er Jahren.
Das neue Verwaltungsgebäude entsteht (1969).
Geschäftsführer Detlef Gallo mit seinen Kindern Philipp und Charlotte Gallo (4. und 5. Generation).

Die älteste Baustoff- und Fliesengroßhandlung Wiesbadens besteht seit 1890. Dass diese lange Tradition im Auf und Ab der Geschichte kein Selbstläufer war, zeigt der Rückblick auf die Anfänge des Unternehmens und dessen Entwicklung.

Der Firmengründer

Am 1. April 1890 übernimmt der gelernte Kaufmann Carl Reichwein eine schon seit mehreren Jahren bestehende Farbgroßhandlung. Im Alter von 29 Jahren gründet er das Unternehmen und gibt ihm seinen Namen: »Carl Reichwein«. Dank seiner Ausbildung in einer Wiesbadener Material- und Farbwarenhandlung verfügt er über sehr gute Fachkenntnisse zur Produktpalette.

Eine Stadt in der Blüte

In den 1890er Jahren entdeckt Kaiser Wilhelm II. die Kurstadt Wiesbaden für sich. Die regelmäßigen Herrscherbesuche beeinflussen schnell das Stadtleben: Geschäfte werden zu »Hoflieferanten« und zahlreiche Adlige, Beamte und vermögende Bürger lassen sich nieder. Der schon zu Nassauer Zeiten anwachsende Fremdenverkehr erlebt nun einen regelrechten Boom. Das beflügelt auch die ansässige Wirtschaft. An allen Ecken und Enden wird gebaut. 

Baustoffe für Wiesbaden

Einer der viel beschäftigten Architekten dieser Zeit ist Hermann Reichwein, Bruder von Firmengründer Carl. Er entwirft mehr als 30 heute als Kulturdenkmäler deklarierte Wiesbadener Wohnhäuser und Villen, in denen Baumaterial von »Carl Reichwein« steckt. Wohl auch auf sein Anraten hin und weil viele Kunden danach verlangen, erweitert Carl Reichwein schon 1896 sein Sortiment um Baustoffe. Um mehr Platz zu schaffen, werden auf dem Firmengelände in der Hellmundstraße 1 größere Lagerräume errichtet. 1901 wird zusätzlich eine Mosaik- und Wandplatten-Verlegung angegliedert – beides ideale Ergänzungen für die Arbeit des Architekten. Die Bauwirtschaft in Wiesbaden erlebt 1903 mit 253 Neubauten ihren Höhepunkt. Zwei Jahre später wird die Großstadt-Marke von 100.000 Einwohnern erreicht.

Schwere Zeiten

Der im Sommer 1914 beginnende Erste Weltkrieg ist für die Unternehmer Wiesbadens katastrophal. Die hauptsächlich auf Tourismus ausgerichtete Wirtschaft muss gleich zu Beginn herbe Verluste hinnehmen: Bei Kriegsausbruch sollen alle ausländischen Personen, auch jene aus verbündeten Staaten, die Stadt verlassen. Im Verlauf des Kriegs wird Wiesbaden mehr und mehr zu einer Lazarettstadt. Insgesamt brechen die Besucherzahlen bis 1918 um mehr als 50% ein. Die Bauaktivitäten nehmen rapide ab. Nach Ende des Krieges wird Wiesbaden von der französischen Armee besetzt. Zwar muss »Carl Reichwein« im Gegensatz zu anderen Unternehmen keine Enteignungen ertragen, aber auch so ist die einbrechende Inflationszeit eine große wirtschaftliche Herausforderung. In den ersten Monaten der französischen Besatzung wird die Stadt zudem weitgehend von der Außenwelt abgeschlossen, was dem Handel extrem zusetzt. Doch die gesunde Struktur des Unternehmens, das Vertrauen der Kunden und nicht zuletzt der Zusammenhalt der langjährigen Angestellten hilft, die wirtschaftliche Krise zu überstehen. Ab 1924 erholt sich die Wirtschaft der noch jungen Weimarer Republik und auch der Baustoffhandel stabilisiert sich. Carl Reichwein kann sich nun wieder mehr seinen Ehrenämtern widmen. Als Handelsgerichtsrat am Wiesbadener Landgericht und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Wiesbadener Bank bringt er seine Expertise ein. Neben dem allgemeinen Aufschwung verbessert sich die Infrastruktur. Besonders die Eingemeindung der Stadt Biebrich am 1. Oktober 1926 mit ihrer Industrie und der Lage am Rhein sorgt hier für Verbesserungen. Der Absatz von Baustoffen, Fliesen und zeitweise auch Kohlen steigt.

Die zweite Generation

Zu Beginn des Jahres 1930 legt Carl Reichwein seine Ehrenämter in der Wirtschaft wegen einer schweren Erkrankung nieder. Im Herbst 1930 tritt sein Schwiegersohn Hans Gallo, der Ehemann seiner jüngsten Tochter Hildegard, als Teilhaber in das Unternehmen ein. Er verfügt über langjährige Erfahrung als selbstständiger Kaufmann, die er sich als Inhaber eines Hochheimer Weinguts mit angeschlossenem Großhandel angeeignet hat. Ende 1930 stirbt Carl Reichwein. Da nun die Anteile am Unternehmen erbschaftsbedingt unter den vier Töchtern aufgeteilt sind, kauft Hans Gallo die Anteile seiner Schwägerinnen auf, um eine Zersplitterung zu verhindern. Die nötigen Fach- und Produktkenntnisse eignet sich der Weinhändler schnell an. Er baut das Sortiment der Baustoffhandlung aus, übernimmt den Vorsitz der Wirtschaftsvereinigung der Baustoffhändler in Hessen und gewinnt namhafte Kunden. So zählen über Jahre hinweg die besten Hotels der Kurstadt zum Kundenkreis, aber auch große Unternehmen wie die »Henkel & Co. Sektkellerei«. Zudem wird exklusiv der Vertrieb für große Lieferanten übernommen, wie den Zementhersteller »Dyckerhoff & Söhne GmbH«. Neben privaten Bauherren und Handwerkern spielen auch die Aufträge der öffentlichen Hand eine immer größere Rolle. Im Auftrag des Wiesbadener Hochbauamtes werden von »Carl Reichwein« gelieferte Materialien im Kurhaus, im Kaiser-Friedrich-Bad, in diversen Wiesbadener Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern und im Rathaus verbaut.

Diktatur und Krieg

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verändern sich die Bedingungen erneut. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften wird die »Deutsche Arbeitsfront« (DAF) gegründet. Formell ist der Beitritt von Arbeitgebern und Arbeitnehmern freiwillig, de facto aber eine Zwangsmaßnahme. So soll die Gleichschaltung bis in die Betriebe hinein umgesetzt und kontrolliert werden. Zudem wird am »Tag der nationalen Arbeit« durch Massenveranstaltungen das Propagandabild eines Arbeiterstaates gezeichnet. Wie viele andere Wiesbadener Unternehmen treten auch die Angestellten von »Carl Reichwein« der DAF bei; die Betriebsausflüge werden fortan durch die Unterorganisation »Kraft durch Freude« veranstaltet. Während das NS-Regime für das Unternehmen in wirtschaftlichen Belangen zunächst nur kleinere Umstellungen bedeutet, gerät es durch den Zweiten Weltkrieg ab 1939 in arge Bedrängnis. Nicht nur, dass viele Mitarbeiter den Betrieb verlassen müssen, weil sie als Soldaten an die Front berufen werden, sondern auch der gesamte Einbruch der nicht kriegswichtigen Wirtschaft trifft den Baustoffhandel empfindlich.

Kurz vor Kriegsende ereilt das Unternehmen dann der härteste Schlag: In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1945 werfen alliierte Bomber rund 2.000 Tonnen Sprengkörper über Wiesbaden ab. Die Lagerbestände und die Büroeinrichtung von »Carl Reichwein« in der Hellmundstraße werden fast restlos vernichtet. Am 28. März 1945 rückt die amerikanische Armee in Wiesbaden ein. Für die Stadt und ihre Bewohner ist der Krieg zu Ende. Das Land »Groß-Hessen« wird gegründet und Wiesbaden zur Hauptstadt ernannt.

Der Wiederaufbau

Hans Gallo kümmert sich sofort um die Wiederbelebung seines Betriebes. Durch tatkräftige Unterstützung seiner zurückgekehrten Angestellten kann das Unternehmen zügig wieder funktionsfertig gemacht werden. Bald sind in Wiesbaden und Umgebung die Schuttberge beseitigt und eine rege Wiederaufbautätigkeit beginnt – mit Baustoffen von »Carl Reichwein«. Zwar fehlt es in der unmittelbaren Nachkriegszeit vor allem an Essen, aber auch Baumaterialien sind nicht immer verfügbar. Zu dieser Zeit gelingt es dem Unternehmen gegenüber seinen Kunden große Zuverlässigkeit zu beweisen, da knappe Güter herangeschafft werden können. Das Unternehmen expandiert. Im Jahr 1950 ist »Carl Reichwein« mit 50 Angestellten die größte Baustoffhandlung Wiesbadens und einer der größten Betriebe Hessens. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Wiesbaden einen großen Zuzug aufzuweisen. Der Ausbau der amerikanischen Einrichtungen und die Ansiedlung personalstarker Bundesbehörden, wie dem Bundeskriminalamt und dem Statistischen Bundesamt, beschleunigen das Wachstum. In den Vororten entstehen viele neue Siedlungen. Der Verkauf von Baustoffen floriert. Um mehr Lagerfläche zu schaffen, wird in der Hasengartenstraße 23 ein modernes Baustofflager mit großer Halle, Transport- und Ladeeinrichtungen erbaut. Während die Verwaltung weiterhin von der Hellmundstraße aus getätigt wird, ermöglicht die neue Adresse im Außenbereich der Stadt eine adäquatere Bedienung der Kunden mithilfe eines größeren Fuhrparks.

Die dritte Generation

Nach dem Tod von Hans Gallo am 23. März 1963 übernimmt sein Sohn Herbert die Leitung des Unternehmens. Um sich gänzlich dieser Aufgabe widmen zu können, verkauft er das noch immer im Familienbesitz befindliche Hochheimer Weingut und gibt den über lange Zeit betriebenen Weinhandel auf. Um die immer größeren Bestellungen sicher bedienen zu können und zur Optimierung des Einkaufspreises, gründet Herbert Gallo 1965 mit zwei Baustoffhändlerkollegen die »Bauwa Handelsgesellschaft« und im November 1966 mit 56 anderen Gesellschaftern aus der Baustoffbranche die »Bauwa – Handelsgesellschaft mbH & Co Kommanditgesellschaft«. Jeder der Kommanditisten leistet 30.000 Mark als Einlage und kann fortan auf ein Zentrallager und günstigere Preise zugreifen. Später wächst die Kommanditgesellschaft und führt den Namenszusatz »INTERPARES«. Heute heißt die Gemeinschaft »EUROBAUSTOFF – Die Kooperation« und ist in ihren Segmenten die größte Vereinigung des mittelständischen Fachhandels Europas.

1969 verlegt Herbert Gallo den Gesamtbetrieb in die Hasengartenstraße 23. Um die Büros unterzubringen, lässt er ein Verwaltungsgebäude errichten.

Die vierte Generation

Detlef Gallo, einer der beiden Söhne Herbert Gallos, ist seit 1975 im Unternehmen tätig. Durch eine beständige Modernisierung des Sortiments »vom Keller bis zum Dach«, verbunden mit der persönlichen Beratung von ausgewiesenen Bau- und Handwerksexperten gelingt es, den Kundenstamm über Wiesbaden und den Rheingau hinaus auszuweiten. Die Präsentation des Materials spielt dafür eine immer wichtigere Rolle: 1990 wird auf 700m² eine Fliesen- und Sanitärausstellung eröffnet. Seit 1991 ist Detlef Gallo als Geschäftsführer eingesetzt. Sein jüngerer Bruder Volker tritt drei Jahre später in das Unternehmen ein.

Die fünfte Generation

Seit 2011 ist die fünfte Generation der Familie innerhalb des Unternehmens tätig. Diplom-Kaufmann Philipp Gallo durchläuft nach seinem Studium alle Bereiche, vom Lager bis zur Buchhaltung. Seine Schwester Charlotte, M.A. in International Business Administration, stößt 2012 hinzu. Beide treten nicht nur in ein erfolgreiches mittelständisches Unternehmen, sondern auch in einen herausragenden Ausbildungsbetrieb ein. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute erlernten mehr als 150 Auszubildende ihren handwerklichen oder kaufmännischen Beruf bei »Carl Reichwein«. Seit 1. Januar 2014 teilen sich Detlef und Philipp Gallo die Geschäftsführung.

Unternehmensbroschüre zu unserem Jubiläum